Frauen werden häufig in der Reinigungsbranche eingesetzt.

Schutz- und Präventionsmaßnahmen in der Arbeitssicherheit müssen für Frauen und Männer wirksam sein.

Frauen und Männer sind nicht gleich – zumindest in biologischer Hinsicht. Doch wie sieht es an den Arbeitsplätzen in Europa aus und welchen Einfluss haben Geschlechterunterschiede auf die Arbeitssicherheit? Ein umfassendes Feld für Arbeitsforscher und Sozialwissenschaftler.

Kein Zweifel: in der Arbeitssicherheit besteht ein gravierender Unterschied zwischen Männern und Frauen. Ein Aspekt ist die Geschlechtertrennung auf dem Arbeitsmarkt. Gehören die typischen Frauenberufe immer noch zu den Tätigkeitsfeldern in der Betreuung, Pflege und Servicetätigkeiten, sind Männer eher im Management zu finden sowie in technisch-manuellen Berufen an „Maschinen oder physischen Produkten“. Folglich sind männliche und weibliche Mitarbeiter unterschiedlich stark exponiert. Dies betrifft sowohl die ergonomischen Anforderungen als auch das Unfallrisiko und die psychosozialen Gefährdungen, die in einer geschlechtergerechten Gefährdungsanalyse berücksichtigt werden müssen. Hier vier Beispiele:

Psychosoziale Faktoren

Lohnunterschiede in den weiblich dominierten Berufen, niedrigere Beschäftigungsquoten von Frauen, die häufig zur Familienpflegearbeit, wie Kindererziehung und Altenpflege herangezogen werden, bis hin zur hohen Gesamtarbeitslast und längeren Arbeitszeiten, die Frauen auch in Teilzeitarbeit leisten, addiert man die häuslichen Tätigkeiten zum Job: Das Geschlechtergefälle zwischen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen ist hoch. Dies kann für Betroffene zu körperlichen und mentalen Überlastungen und für Unternehmen zu langen krankheitsbedingten Ausfällen führen.

Muskel-Skelett-Erkrankungen

Die Quote der Frauen, die an Muskel-Skeletterkrankungen leiden, ist fast so hoch, wie bei ihren männlichen Kollegen (62%). Bei der Europäischen Arbeitskräfteerhebung 2007 bezeichneten 59% der erwerbstätigen Frauen Muskel-Skelett-Probleme als ihre größtes, arbeitsbedingtes Gesundheitsproblem. Kein Wunder: Langes Stehen und das Heben und Bewegen von schweren Lasten sind charakteristisch für die Arbeit im Bildungs- und Gesundheitswesen, in der Reinigung und im Gastgewerbe, also den „typisch weiblichen“ Berufen.

Unfälle

Die Unfallrate ist bei Männern höher als bei Frauen. Das liegt zum einen an der Verteilung von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen in die verschiedenen Tätigkeitsbereiche, zum anderen daran, dass viele Frauen in Teilzeit arbeiten und so ihr Unfallrisiko senken.

Vor allem in den klassischen „Männerbranchen“, wie im Bergbau und im Bauwesen, ist ein Rückgang von Arbeitsunfällen zu verzeichnen, dagegen blieb die Unfallrate bei Frauen in den weiblich dominierten Berufen gleich.

Gefährdung durch Gefahrstoffe

Ein ganz zentraler Punkt sind die Gefahrstoffe, mit denen beispielsweise Reinigungs– und Pflegekräfte in Verbindung kommen. In diesen Berufen sind Frauen besonders stark vertreten. Auch der Agrarsektor ist ein bedeutender Arbeitgeber für Arbeitnehmerinnen in Europa.  Die Exposition durch Pestizide und Chemikalien muss in einer geschlechterspezifischen Gefährdungsanalyse berücksichtigt werden, da vermutet wird, dass einige dieser Gefahrstoffe auch reproduktionstoxisch wirken und den Hormonhaushalt, beeinflussen könnten.

„Geschlechterneutral ist nicht geschlechtergerecht“

Der iga.Report.35 bringt die Situation von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen auf den Punkt. In Sachen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sind noch intensivere Untersuchung in alle Richtungen notwendig. Klar ist, dass eine Perspektivänderung stattfinden muss, da sich das geschlechterneutrale Konzept eher an den „männlichen Durchschnittsarbeitnehmer“ orientiert und „typische Risiken und Belastungen anderer Gruppen“ keine oder nur eine geringe Rolle spielen.

Ein Betrieb, der eine gendergerechte Unternehmensphilosophie verfolgt, berücksichtigt in der Gefährdungsbeurteilung die Unterschiede und erarbeitet, am sinnvollsten gemeinsam, in einem Mitarbeiter*innen-Arbeitskreis, Schutz- und Präventionsmaßnahmen, die für alle Arbeitnehmer*innen wirksam sind.

Factsheets zu geschlechterspezifischen Fragen in der Arbeitssicherheit finden Sie zum Download auf der EU-OSHA Website in 20 Sprachen und auf der Seite der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga).

Quellen:

  1. Women at Work: An Introduction“, Juliet Hassard, Birkbeck, University of London, United Kingdom
  2. Employment trends and their impact on women’s OSH“, Corinna Weber and Nathalie Henke, Federal Institute for Occupational Safety and Health (BAuA), Germany
  3. Gesundheitliche Chancengleichheit im Betrieb: Schwerpunkt Gender“, iga.Report35
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